Harry Styles auf eigenen Wegen – „Fine line“

Benjamin von Stuckrad-Barres Ansichten der Popkultur sind in der Regel erstens unterhaltsam, zweitens sehr treffend und drittens unter anderem in seinem autobiografischen „Panikherz“ bewundern. Doch der folgenden Aussage seiner Romanfigur Ben aus „Soloalbum“ muss ich meine Zustimmung entziehen: „Wenn eine erfolgreiche Band sich auflöst und die Mitglieder allein weitermachen, dann gibt es leider ein unumstößliches Gesetz: Das Soloalbum ist immer scheiße.“ Haltet mich für einen Popidioten, aber spätestens seit Justin Timberlake ist diese These hinfällig. Auch, wenn er nur Boygroup-Mitglied war. Gut, Stuckrad-Barre konnte es nicht ahnen. „Soloalbum“ erschien 1998, Timberlakes erstes Soloalbum vier Jahre danach, ein weiteres Jahr später Brach die Ära Beyoncé an. Geblieben ist aber die Skepsis gegenüber jedem neuen Ex-Bandmitglied, das sich entschließt auf eigenen kreativen Pfaden zu wandeln. Man kann mit seinen Mitmusikern unzählige Welterfolge erzielen; das Soloprojekt startet wieder bei Null. Dies galt auch für One Directions Harry Styles, der 2017 sein erstes, nach sich selbst benanntes Album veröffentlichte. Seit Mitte Dezember liegt „Fine Line“ vor. Ob es Styles‘ Erfolg nun bestätigt oder mindert? Finden wir heraus.

Zunächst eine kurze Bestandsaufnahme der übrigen ehemaligen Weggefährten: Während Niall Horan eingängigen und durchaus ernst zu nehmend Singer-Songwriter-Pop produziert, liefert Zayn Malik seit Jahren verlässlich stilsicheren R’n’B, Liam Payne hauptsächlich Songs über Party, Geld und Frauen und Louis Tomlinson sein Debüt erst Ende Januar 2020. Harry Styles hingegen stemmt sich mit seiner musikalischen und inhaltlichen Weiterentwicklung am stärksten gegen die ewige Reproduktion der alten Boygroup-Prämissen. Das spiegelt auch sein Äußeres: Androgyne 70er-Outfits mit hoch taillierten Schlaghosen (siehe Albumcover), durchsichtige Hemden, wilde Muster, Absatzschuhe und Nagellack in allen Farben des Regenbogens. Fans sehen in ihm schon den jungen Mick Jagger.

Der Klang von „Fine line“ ist bemerkenswert für die Zeit, in der er produziert wird: Gänzlich organisch, nicht mit Effekten oder Synthesizern überladen, stellenweise experimentell und doch größtenteils mit Bedacht instrumentalisiert. Zum Einstieg das flimmernd-energetische „Golden“, wie eine wilde Autofahrt durch ein dichtes Straßennetz. Dann das Trio der Vorabsingles, gefolgt von ruhigen, melancholischeren Songs wie „Cherry“ über seine vergangene Liebe zu Camille Rowe, deren Stimme an Ende zu hören ist. Dazu singt er: „There’s a piece of you in how I dress, take it as a compliment.” Das klingt wie eine Fortsetzung des letzten Songs “From the dining table“ seines ersten Albums. Die anschließende Piano-Ballade „Falling“ schlägt eine inhaltlich ebenso sehnsuchtsvolle Richtung ein. In „To be so lonely“ klingt durch den Einsatz von Percussions, Cello und einer Gitalele (Gitarre in Ukulelengröße) deutlich nach Folk.

„Treat people with kindness“ greift Harrys philanthropische Botschaft auf und abseits der Bühne sowie seinen Merchslogan auf. (Man recherchiere mal zum Stichwort „Harry Styles angry“ und siehe da: Keine Treffer.) Trotz der absolut unterstützenswerten Botschaft klingt das Stück, mit Chor und Streichern kindlich anmutend, wie keine besonders gute Mischung aus dem Sound von Queen und den Beatles.

Die stärksten Ohrwürmer sind alle in der ersten Hälfte zu finden. Dazu zählen „Watermelon sugar high“, der launige, leichtfüßigste Sommerhit dieses Winters, die vertonte Selbstoffenbarung und Ode an die Freiheit „Lights up“ und „Adore you“. Besonders in letzterem demonstriert Styles seine Gesangsqualität. Selbst in höheren Tonlagen behält er seine stimmliche Kraft. Auch das wunderbar schräge Musikvideo inklusive Rosalía als Geschichtenerzählerin ist die fast acht Minuten Spielzeit absolut sehenswert.

Ab Track sieben bleiben nach den ersten Hörschleifen leider nur wenige Melodien im Gedächtnis. Immerhin, „She“ hebt sich positiv ab – als verschwommener, vom langsamen Schlagzeugbeat getragener Tagtraum über eine fiktive ideale Frau, der sich in ein minutenlanges E-Gitarren-Solo ergießt und dabei an den psychedelischen Rock Pink Floyds erinnert. Das episch angelegte „Fine line“ liefert mit der letzten Textzeile „We’ll be alright“ ein versöhnliches Ende.

Es ist eine Platte voller Gegensätze: Trennungsschmerz und positive Energie, lautstark und leise, hymnisch und nüchtern. Wie der Albumtitel schon verrät: Styles erkennt im Leben wie in der Musik den schmalen Grat, der alles miteinander verbindet. Durch seine Musik übt sich Harry Styles spürbar in Selbstreflexion und eröffnet dem Hörer erneut seine Gefühlswelt. Das motiviert, es ihm gleichzutun.

Harry Styles: „Fine line“, Smi Col (Sony Music), erhältlich hier, hier und im Streamingdienst/Plattenladen eures Vertrauens.

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