Jordan Rakei berauscht und beruhigt – „Origin“

Er ist einer dieser Musiker, die modernen Jazz, Soul und Hip-Hop auf eine elektrisierende Weise miteinander verschalten, als wäre es ein Leichtes. Vielleicht begründet sich Jordan Rakeis klangliche Vielfalt damit, dass er schon an diversen Orten gelebt hat: Geboren in Neuseeland, aufgewachsen in Brisbane, Australien, lebte er zeitweise in den USA und seit 2015 in London. Kennengelernt habe ich ihn durch das Feature „Masterpiece“ auf Disclosures Album „Caracal“. Außerdem arbeitete er bereits mit weiteren meiner Favoriten, darunter Tom Misch und Loyle Carner. Rakei beherrscht diverse Instrumente, singt und produziert selbst. In diesem Dunstkreis quasi Standard. Im Sommer dieses Jahres hat er seine dritte Platte veröffentlicht, für deren Produktion er nach eigener Aussage seine Komfortzone verließ. Und tatsächlich hören wir auf „Origin“ eine neue Facette.

In der Kurzdoku „The seeds of Origin” offenbart Rakei die Inspiration für das Album. Während des Schaffensprozesses beschäftigte er sich mit den Themen Technik, künstliche Intelligenz und deren vielfältige Einflüsse auf das menschliche Leben. Die (drohenden) negativen Folgen des technischen Fortschritts sind bekannt: Schnelllebigkeit, Auflösung sozialer Strukturen, Big Data, Herrschaft der Zahlen und Maschinen, Technokratie. So düster dieses dystopische Bild wirkt, so sehr klingt der Sound von Origin dennoch nach Aufbruchstimmung und schafft ein musikalisches Gegengewicht. Mehr als bisher setzt Rakei auf Songs mit upbeat. Neben dem Soul der 70er und Bands wie Steely Dan hat die Meditation hat ihn beeinflusst. Er selbst hatte mit Angstzuständen zu kämpfen und meditiert mittlerweile täglich, um diese zu bewältigen. Wer die eigene Mitte findet, der findet sie im besten Fall auf allen Ebenen. Origin beschreibt also die Suche nach und Definition der eigenen Identität, losgelöst vom täglichen Technikwahnsinn, mit dem wir uns umgeben. Diese Interpretation lässt auch das Cover-Artwork zu, auf dem eine im Blau schwimmende Person zu sehen ist. Der Mensch im natürlichen Zustand.

„Mad world“ wurde passend als Opener gewählt, denn er präsentiert genau die Richtung, in die das Album geht. Jordan Rakei zeigt sich direkt energetischer, lebendiger als auf seinen seine Vorgängeralben „Cloak“ und „Wallflower“. Großzügig eingesetzte Synthesizer und geloopte Hintergrundstimmen kombiniert er mit einem durchgängig geklatschten Beat. Dazu der Songtext: „It’s a mad, mad world. Why can’t keep on living here?“ Die kompakt klingenden Strophen öffnen sich jeweils zum Refrain, der im Ohr bleibt. Ein Konzept, das Rakei gleich mehrmals anwendet, indem er die Tempi sowie das Spektrum der genutzten Instrumente stetig wechseln lässt. Zum Beispiel in „You & me“, das mit einem langsamen Klavierintro beginnt, im Verlauf mit Saxofon, Querflöte, Streichern und, natürlich, Synthesizereffekten instrumentalisiert wird. Das letzte Viertel bildet wiederum ein jazziges, vom Klavier getragenes Instrumental.

„Mind’s eye“ wird getragen vom schnellen Beat und der Gitarre. Rakei sind dazu „show you the doorway to my soul“. Die Tür zu Seele, der zentrale Unterschied zwischen Mensch und Maschine. „Rolling into one“ zitiert den 70er-Funk, driftet ab ins Träumerische, um dann wieder in den ursprünglichen Groove einzusteigen. Langsamer sind „Say something“ mit präsentem Bass, die nachdenklichen „Oasis“, „Wildfire“ und „Sings“, der elektronischste Song auf Origin mit hopsendem Synthesizer und die Unterstützung von Sängerin Frida Touray.

Rakei nimmt sich Zeit: Sieben der zehn Songs sind über vier Minuten lang. Besonders schön ist das im vorletzten Stück „Speak“, einer klassischen Ballade mit Streichern und Klavier, zurückgenommen und schlank komponiert. Hier könnte dann auch Schluss sein. Denn ausgerechnet das finale „Mantra“, ein knapp sechsminütiger jazziger Yogasoundtrack mit Bassklarinette und Saxofon, hinterlässt einen musikalischen und textlichen allzu kitschig-pathetischen Eindruck.

Jordans Gesang bleibt durchgehend hell, sanft und berührend. Die Kopfstimme ist seine normale Gesangsstimme. Das könnte man als eintönig bezeichnen oder als wohltuende Konstante im abwechslungsreichen Sound. Letzterer wirkt manchmal sensibel und abstrakt wie James Blake, dann wieder spielfreudig und lebendig wie Tom Misch. Die Platte hat Anspruch und ist nicht immer gefällig. Sie fordert den Hörer heraus, genauer hinzuhören. Das macht sie zu einem guten Album fürs jahresendliche Runterkommen, Reflektieren und Pläneschmieden.

Jordan Rakei: „Origin“, Ninja Tune (Rough Trade), erhältlich hier, hier und im Streamingdienst/Plattenladen eures Vertrauens.

Pressefoto: © Hollie Fernando via redlightmanagement.com

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