Aufgepasst, tatsächlich gut: Mariah Carey – „Caution“

Über Mariah Carey wird in Deutschland dann und wann wegen diverser Dinge berichtet: hautenge Bühnenoutfits, in die sie sich hineinnähen lässt, skandalöse Auftritte wie am Neujahrsabend 2016 oder provokative Interviewantworten wie „I don’t do stairs“. Ihre Musik gehört kaum dazu – obwohl sie seit Anfang der 90er kontinuierlich Alben veröffentlicht. Mariah Carey, die exzentrische, Balladen schmetternde Popdiva? Kennt man von damals. Aber Mariah Carey, die Songschreiberin? Mariah Carey, die Produzentin? Im kollektiven Gedächtnis unterrepräsentiert. Ihr letztes Album „Caution“ liefert die Gelegenheit, endlich wieder genauer hinzuhören.

Im Januar dieses Jahres war der Schauspieler Timothée Chalamet zu Gast in der Sendung Quotidien des französischen Senders TMC. Dort präsentierte er Mariah Careys „Giving me life“ als sein guilty pleasure und bezeichnete die Sängerin im Zuge dessen als „legend“ (hier ab 23:35). Der eingespielte Ausschnitt des Songs reichte aus, um mein Interesse am gesamten Album zu wecken.

Und schon hier kann ich mein Urteil nicht mehr zurückhalten. Ich höre das gesamte Album bis heute gerne. Es ist eine reduzierte Platte: 38 Minuten Spiellänge, zehn Songs, kein Platz für Füllmaterial. Sie alle strahlen die Selbstverständlichkeit und Produktionsfreude einer Musikerin aus, die nichts mehr beweisen muss. Das Tempo bleibt konstant entspannt. Der Sound ist sehr modern, auch beeinflusst durch Gastmusiker wie Blood Orange sowie die Rapper Slick Rick, Ty Dolla $ign und Gunna.

Ihre stimmlichen Höhen kann Mariah immer noch erreichen, bewegt sich aber auch gern im angenehmen, tieferen Bereich. Und sie singt, wie eigentlich immer, leidenschaftlich über die Liebe. Besonders gelingt ihr dies im Titeltrack „Caution“, der trotz simpler Gestaltung aus Beat, Bassline und minimalen Soundeffekten sinnlich vor sich hin wiegt. Careys Stimme überlagert sich mehrfach selbst und wirkt dadurch choral. „Giving me life“ überzeugt hingegen durch sein komplexeres, nebulöses Arrangement. Ein sirenenartiger Ton setzt wiederholt ein, ändert die Höhe und zieht sich durch weite Teile des Stücks, um sich dann wieder spielerisch in den Takt einzufügen. Hinzu kommen außerdem zwei kurze Ausschnitte aus dem Film „Die Glücksritter“ und ein Rap-Part von Slick Rick. Die letzte Minute lässt Mariah im Duett mit einer Gitarre ausklingen, wirklich wahr. „8th Grade“ offenbart wieder ihre klassischen Qualitäten. Es ist ein Song über Mariahs erste Herzschmerzerfahrungen zu Schulzeiten. Im Verlauf lässt sie das liebliche Säuseln links liegen, um kraftvoll und voluminös „I’m not your world, I’m not your life“ zu verkünden. Obwohl „A no no“ und „One mo‘ gen“ durch ihre klangliche Redundanz weniger überzeugen, weist das Album keine wirklichen Schwächen auf.

Ja, Mariah Carey hat mit „Caution” keine Genregrenzen ausgetestet oder anderweitig progressiv agiert. Thematische Einseitigkeit und stellenweise Überproduktion kann man dem Album sicherlich auch vorwerfen. Trotzdem liefert es zehn Songs, die frischer klingen als alles, was die Musikerin während der letzten zehn Jahre, also seit „E=MC²“ veröffentlicht hat. Eine lupenreine Mischung aus Pop und lässigem R’n’B, quasi Mariah-Konzentrat. Kein Meilenstein der Musikgeschichte, aber doch ein wichtiges Element ihrer Karriere. Und für alle, die sich nach der 90er-Mariah sehnen, lohnt sich immerhin der letzte Track „Portrait“, ein gefühlig-melancholisches Klavierstück.

Mariah Carey: „Caution“, Epic (Sony), erhältlich hier, hier und im Streamingdienst/Plattenladen eures Vertrauens.

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