Streifen: Pampa Blues

Gestresste Städter glorifizieren das Landleben zurzeit wieder gerne. Ihre Assoziationen: grüne Landschaften, saubere Luft, Ruhe, Weite, grüßende Nachbarn, heile Welt. An die Langeweile denkt natürlich keiner – und wenn doch, dann nur in euphemistischer Form von temporärem, Akkus wieder aufladendem, die Kreativität förderndem ‚digital‘ und ‚social detox‘. Der Film „Pampa Blues“ von Regisseur Kai Wessel nach dem gleichnamigen Roman von Rolf Lappert wirft nicht unbedingt einen realistischeren, aber humorvollen Blick auf die Lebenssituation der ländlichen Ödnis.

Endlingen liegt im Ostalbkreis, also am Ende der Welt. Hier lebt der 16-jährige Ben, gespielt von Sven Gielnik, gemeinsam mit seinem dementen und pflegebedürftigen Opa Karl, der am liebsten als Vogelscheuche gekleidet im Feld steht und Vögel anlocken möchte. Bens Vater ist verstorben, seine Mutter tourt mit ihrer Jazzband durch Europa und meldet sich nur sporadisch per Telefon. Der erster Satz spricht Bände: „Ich hasse mein Leben.“ Ben ist genervt von der Ereignislosigkeit seines Lebens und würde gerne raus in die Welt, befindet sich im Zwiespalt zwischen heimischen Verpflichtungen und dem Traum von einer Afrikareise. Sein aktueller Aktionsradius ist klein. Zentrale Treffpunkte sind einzig der kleine Dorfladen und die Dorfkneipe. Ben hilft beim Automechaniker Maslow (Joachim Król) aus, der einen skurrilen Plan hegt, um Endlingen endlich in den Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit zu rücken und dadurch wiederzubeleben: ein inszenierter Besuch von Außerirdischen mittels selbstgebasteltem UFO. In Maslows größenwahnsinniger Vision wandelt sich das Dorf dadurch zum deutschen Roswell und lockt reihenweise Touristenscharen an. Ben soll Maslow bei der Umsetzung des Plans helfen, zeigt aber wenig begeistert.

Als plötzlich die mit dem Auto gestrandete Lena (Paula Beer) auftaucht – für Maslow eindeutig eine versteckte Reporterin –, kommen die Dinge ins Rollen. Während die Reparatur andauert, wird Lena im Gästezimmer über Maslows Kneipe einquartiert. Sie soll die UFO-Sichtung als Augenzeugin öffentlich machen. Außerdem wird ein Mord verübt. Klingt ganz schön abgedroschen und unrealistisch? Ja. Trotzdem wirkt der Film beim Zusehen sehr viel glaubwürdiger, als viele der Mainstreamproduktionen. Das liegt unter anderem an der liebevoll-behutsamen Zeichnung der Figuren, der humoristischen Darstellung der Dorfdynamiken und der ausbleibenden musikalischen Untermalung durch diverse Popsongs. Am wichtigsten ist jedoch die hier erneut bestätigte Erkenntnis, dass Darsteller nicht jede ihrer Handlungen durch Worte erklären müssen. Oft reichen Blicke und Gesten, die dem Zuschauer Raum für eigene Interpretationen geben.

Die Geschichte wird begleitet von einer Kombination aus Witz, Gefühl, Spannung und ernsten Elementen. Sie ist leise erzählt und enthält viele schöne Details, mal absurd, mal berührend. Da wären zum Beispiel die Fahrten mit der bunt dekorierten Autorikscha vorbei an gelb leuchtenden Weizenfeldern und grünen Wiesen, Opa Karls Bastelraum, die schrägen Dialoge und Bens melancholische Gesichtsausdrücke.

Ob Ben es schafft, der dörflichen Einöde zu entfliehen oder Endlingen endlich die ersehnte Aufmerksamkeit zuteilwird, ist noch bis zum 01.09.2019 in der ARD Mediathek zu sehen.

Headerfoto: privat, Szenenbild: SWR/Bavaria Fernsehproduktion/Daniela Incoronato

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