Herzschmerz und Discofieber – „Late night feelings“

Das neue Mittel bei Niedergeschlagenheit, Originalrezeptur von Mark Ronson.

Als ich in Flensburg studiert habe, war ich mal auf einer Party mit dem Titel „Depri Disko“. Gespielt wurden tanzbare Schlechte-Laune-Songs, von Drake über Bilderbuch bis a-ha. Es war eine der musikalisch und stimmungsmäßig besten Clubnächte, die ich bisher erlebt habe. Wunderbar austariert zwischen Euphorie und Melancholie. An genau jene Nacht erinnert mich das neue Album „Late night feelings“ von Mark Ronson, dessen Songs eine Fülle an Texten zum Mitfühlen und Klängen zum Tanzen bieten.

Die „sad bangers“ erzählen von ganz persönlichen Tragödien, wie Ronsons Scheidung 2017, aber auch von allgemeinen Enttäuschungen und Weltschmerz („anything that keeps you up at night, whether it’s sadness or lust, or angst, or politics”). Das Plattencover ziert eine zerbrochene, herzförmige Discokugel. Sie kommt auch zum Einsatz, wenn Ronson im Rahmen seiner weltweiten Partyreihe „Club Heartbreak“ auflegt. Weder Zeit noch Geld, um dabei zu sein? Hier gibt es eine feine Setlist für Zuhause. Natürlich ist dieses Konzept nicht bahnbrechend. Man denke nur mal an Robyns „Dancing on my own“ oder Gloria Gaynors Klassiker „I will survive”. Auf diesem Album klingt es aber so retro und gleichzeitig modern wie lange nicht.

Auf „Late night feelings“ lässt Ronson außerdem wieder verschiedenste Stile verschmelzen oder ineinander übergehen: R’n’B, Hip Hop, 80s Pop und Soul. Funky Gitarren und Bässe treffen auf Bläser- und Streicherarrangements. Schon das Prelude mit dem angeschlossenen Titelsong „Late night feelings“ offenbart das Talent Mark Ronsons, instrumental breit angelegte Stücke detailverliebt und vielschichtig zu komponieren. Das ließ sich schon bei seiner Produzententätigkeit für diverse Größen, darunter Amy Winehouse, Adele und Bruno Mars, beobachten. Stellenweise wirkt die Produktion etwas zu perfektionistisch poliert und verkopft. Nicht jeder Song geht direkt ins Ohr, z. B. „True blue“ oder die kürzeren Füllstücke mit YEBBA. Unter den 13 Tracks, auf denen ausschließlich Frauen wie Lykke Li, King Princess, Camila Cabello und Miley Cyrus singen, lassen sich dennoch viele Perlen finden. Zu den Besten zählen das hymnische „Don’t leave me lonely“, das entspanntere „Pieces of us“ mit kantiger Bassline und 80s-Synthesizern, das eingängige „Find u again“ und die erste Single „Nothing breaks like a heart“.

Der zu Beginn dramatische Ton des Albums wird im Verlauf durch ruhigere Songs aufgelockert. Besonders ab „Why hide“ wandelt er sich in die leise Introversion. Der letzte Song klingt sphärisch wie ein Traum und schlägt den textlichen Bogen zum Anfang des Albums: „On and on and on, feeling on and on“. Die letzten Töne ein Herzschlag. Hurra, es lebt noch. Der einzige verbleibende Wunsch: Alle Vorabsingles noch nicht vorab gehört zu haben, um sie komplett neu zu entdecken. Mark Ronson hat übrigens schon vor der Veröffentlichung angekündigt, dass „Late night feelings“ sein letztes Album sein könnte. Bitte nicht.

Mark Ronson: „ Late night feelings“, Columbia (Sony), erhältlich hier, hier und im Plattenladen eures Vertrauens.

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