Musikalische Meditation mit Chilly Gonzales – „Solo Piano III“

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Das selbsternannte musical genius hat im September endlich ein weiteres Album seiner Reihe „Solo Piano“ veröffentlicht – und ich habe es angehört.

Eigentlich heißt Chilly Gonzales Jason Charles Beck und ist der Bruder des ebenfalls erfolgreichen Filmkomponisten Jean-Christophe Beck. Der studierte Jazzpianist stammt aus Kanada und wohnt mittlerweile in Köln. Dort genießt er die Ruhe und Anonymität, welche ihm größere Metropolen wie Paris oder Berlin allmählich verwehrten. Inzwischen kennt und erkennt man ihn dort. Seine optischen Merkmale, jedenfalls für die Bühne: Hauspuschen und Bademantel. Die Kleiderwahl ist beim Besuch seiner Auftritte jedoch nur eine Fußnote der Unkonventionalität. Zwischen den Stücken liebt der Entertainer Gonzo nämlich auch das Erzählen von Anekdoten, die musiktheoretische Analyse weltbekannter Songs sowie die Interaktion mit dem Publikum, das er jedoch nie zu tief in sein persönliches Seelenleben blicken lässt.

Chilly Gonzales bewegt sich zwischen den Genres wie ein Fisch im Wasser. Die Übergänge von Klassik zu Jazz, zu Pop, Electro und Hip-Hop schafft er fließend. Genau das ist die Faszination seiner musikalischen Bandbreite. Mal klimpert er leise Hintergrundmusik fürs Teetrinken, mal hämmert er wie ein Besessener in die Tasten und rappt dazu. Die Vielfalt seines Schaffens spiegeln auch seine Kooperationen, unter anderem mit Boys Noize, Helge Schneider und Daft Punk.

Das jüngste Album „Solo Piano III“ vervollständigt nun seine Trilogie der Begleitmusik für konzentriertes Arbeiten, Träumen oder Einschlafen. Wobei Einschlafen in diesem Fall als Verschwendung bezeichnet werden kann, denn: Die Stücke besitzen eine Schlichtheit und Eleganz, die selbst Nicht-Klassikfreaks begeistern dürfte. Auch trotz der im Vergleich zu den Vorgängern etwas weniger melodischen und zugänglichen Kompositionen. Auf leicht verkopfte Stücke wie „Treppen“ oder „Blizzard in B Flat Minor“ folgt jedoch immer auch ein gewohnt harmonieverströmender Ausgleich.

Alle drei Solo Piano-Alben haben einen für mich erstaunlichen Effekt, der in dieser Form nur noch selten bei mir zu beobachten ist. Sie beruhigen meine Gedanken und lassen sie zu einem gleichmäßigen Strom wachsen, vergleichbar mit einer Meditation. Deshalb höre ich die Musik besonders gern beim Schreiben, zum Beispiel von Texten wie diesen. Meine drei Favoriten: „Pretenderness“, „Ellis Eye“ und „October 3rd”.

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Wer mehr über den Künstler Chilly Gonzales erfahren möchte, hat mit der Dokumentation „Shut up and play the piano” die Gelegenheit dazu. Der Film zeichnet in fast eineinhalb Stunden Gonzales Karriere nach, unter anderem mit Konzertaufnahmen und Ausschnitten eines Interviews, geführt von Sibylle Berg.

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